Die Gerichtshöfe der Unterwelt: Wie die chinesische Hölle die Toten richtet

Das System

Die chinesische Hölle (地狱, dìyù) ist kein Ort ewiger Strafe. Sie ist ein Verarbeitungszentrum — eine Reihe von Gerichten, in denen die Toten beurteilt, verhängt und schließlich zur Wiedergeburt geschickt werden. Das System ist vorübergehend, bürokratisch und — innerhalb seiner eigenen Logik — fair.

Die Zehn Gerichte

Jedes Gericht wird von einem König (殿王, diànwáng) geleitet, der spezifische Kategorien von Sünden beurteilt:

Erstes Gericht — König Qinguang (秦广王) — Das Aufnahmegericht. Jede Seele passiert hier zuerst. König Qinguang überprüft das Lebensprotokoll der Seele und entscheidet, ob sie weitere Beurteilung benötigt oder direkt zur Wiedergeburt übergehen kann.

Zweites Gericht — König Chujiang (楚江王) — Urteil über Unredlichkeit, Korruption und Schaden an anderen durch Täuschung. Die Bestrafungen umfassen das Werfen in einen Eissee oder das Mahlen zwischen Mühlsteinen.

Drittes Gericht — König Songdi (宋帝王) — Urteil über Disrespekt gegenüber Älteren, Undankbarkeit und soziale Unordnung. Die Bestrafungen umfassen das Festbinden an einen brennenden Pfeiler.

Viertes Gericht — König Wuguan (五官王) — Urteil über Steuerhinterziehung, Betrug und Wirtschaftsverbrechen. Das vierte Gericht ist im Wesentlichen die IRS der Hölle.

Fünftes Gericht — König Yanluo (阎罗王) — Das berühmteste Gericht. König Yanluo (abgeleitet vom Sanskrit Yama) beurteilt die schwersten Sünden. Dieses Gericht enthält den Spiegel der Vergeltung (孽镜台), der die Sünden der Seele in lebhaften Details wiedergibt. Empfehlenswert zu lesen: Wie man Strafe in der chinesischen Hölle vermeidet: Schlupflöcher, Bestechungen und gutes Verhalten.

Sechstes bis Neuntes Gericht — Beurteilt zunehmend spezifische Kategorien von Sünden: Gotteslästerung, Mord, Brandstiftung und Verbrechen gegen die Natur.

Zehntes Gericht — König Zhuanlun (转轮王) — Das letzte Gericht. König Zhuanlun bestimmt die nächste Inkarnation der Seele basierend auf dem angesammelten Karma. Gutes Karma führt zur Wiedergeburt als Mensch oder in einem himmlischen Reich. Schlechtes Karma führt zur Wiedergeburt als Tier oder in einem niederen Reich.

Die Bestrafungen

Die Strafen in der chinesischen Hölle sind lebhaft und spezifisch:

Der Berg der Messer — Sünder klettern einen mit Klingen bedeckten Berg. Der Kessel mit kochendem Öl — Sünder werden in Öl frittiert. Die Säge — Sünder werden in zwei Hälften gesägt. Die Zungen-Ziehen-Hölle — Lügner haben ihre Zungen herausgezogen. Der Spiegel der Vergeltung — Keine physische Strafe, sondern eine psychologische — die Seele wird gezwungen, ihre eigenen Sünden anzusehen, ohne die Möglichkeit, wegzuschauen.

Diese Bestrafungen sind proportional — geringfügige Sünden erhalten geringfügige Strafen, schwere Sünden erhalten schwere. Das System ist nicht willkürlich. Es ist eine moralische Kalkulation.

Mengpos Suppe

Nach der Vollziehung aller zehn Gerichte erreicht die Seele Mengpo (孟婆), eine alte Frau, die eine Suppe serviert, die alle Erinnerungen an das vorherige Leben auslöscht. Die Seele trinkt, vergisst alles und tritt mit einem sauberen Blatt in den Kreislauf der Wiedergeburt ein.

Mengpos Suppe ist das eindringlichste Element des chinesischen Jenseits. Jede Liebe, jede Freundschaft, jede gelernte Lektion — alles wird ausgelöscht. Die Seele fängt ohne etwas von vorne an. Dies geschieht gleichzeitig.

Über den Autor

Geisterforscher \u2014 Folklorist für chinesische übernatürliche Traditionen.

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