Wenn ein Chinese sagt: „Ich habe letzte Nacht von meiner Großmutter geträumt“, ist die Reaktion selten: „Das ist interessant, was denkst du, was es bedeutet?“ Wahrscheinlicher ist: „Was hat sie gesagt?“ oder „Wirkte sie glücklich?“ — denn im chinesischen Volksglauben ist das Träumen von einem verstorbenen Verwandten kein psychologisches Ereignis. Es ist ein Besuch.
Die chinesische Traumdeutungstradition ist eine der ältesten der Welt, etwa 2.500 Jahre älter als Freud und beruht auf grundsätzlich anderen Annahmen. Während die westliche Traumdeutung sich eher nach innen richtet — Träume als Ausdruck des Unterbewusstseins — schaut die chinesische Traumdeutung nach außen und nach oben. Träume sind Botschaften. Sie kommen von irgendwoher. Sie bedeuten etwas Konkretes. Und wenn man sie entschlüsseln kann, sieht man die Zukunft.
Die Seelentheorie der Träume
Die chinesische Traumtheorie beruht auf einem spezifischen Verständnis der Seele. In der traditionellen chinesischen Kosmologie besitzt ein Mensch zwei Arten von Seele:
| Seelentyp | Chinesisch | Pinyin | Natur | Im Schlaf | |---|---|---|---|---| | Hun (spirituelle Seele) | 魂 | hún | Yang, ätherisch, mit dem Bewusstsein verbunden | Wandert frei | | Po (körperliche Seele) | 魄 | pò | Yin, körperlich, mit dem Körper verbunden | Bleibt beim Körper |Im Schlaf verlässt der hun (魂) den Körper und reist umher. Was er auf diesen Reisen erlebt, wird zum Inhalt der Träume. Das ist keine Metapher — im traditionellen Glauben verlässt der hun den schlafenden Körper tatsächlich und bewegt sich durch die Geisterwelt.
Diese Theorie hat praktische Konsequenzen:
- Wecke jemanden nicht plötzlich auf — der hun könnte keine Zeit zum Zurückkehren haben, was Krankheit oder Orientierungslosigkeit verursachen kann - Träume vom Fliegen — der hun reist weit entfernt vom Körper - Träume von verstorbenen Verwandten — der hun hat deren Geister getroffen - Albträume — der hun ist auf bösartige Geister getroffen oder in gefährliches Gebiet gelangt - Nichtträumen — der hun blieb nahe beim Körper (wird als gesund angesehen)Das Traumlexikon des Herzogs von Zhou
Der berühmteste chinesische Traumdeutungstext ist das Traumlexikon des Herzogs von Zhou (周公解梦, Zhōu Gōng Jiě Mèng), zugeschrieben dem Herzog von Zhou (周公, Zhōu Gōng, ca. 1042 v. Chr.), einem legendären Weisen der Zhou-Dynastie.
Der Herzog von Zhou hat es höchstwahrscheinlich nicht selbst geschrieben — der heute vorliegende Text wurde viel später zusammengestellt, vermutlich in der Song- oder Ming-Dynastie, mit Material, das sich über Jahrhunderte angesammelt hat. Aber sein Name verleiht Autorität. Der Herzog von Zhou war Confucius’ Lieblingsfigur aus der Geschichte, ein Vorbild für Weisheit und Tugend. Die Zuschreibung eines Traumlexikons an ihn legitimierte die Praxis der Traumdeutung im konfuzianischen Kontext.
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